Trial – ein Sport für Rentner?

Prolog

Es ist ein heißer Frühlingstag im April 2018 und mein 4. Trialwettbewerb dieses Jahr. Im letzten Jahr war ich schon mal dabei hier in Peißenberg. Die Sektionen sind ähnlich, aber sie kommen mir schwieriger vor als im letzten Jahr. Obwohl ich das Gefühl habe, doch ein wenig dazugelernt zu haben, liegt meine Leistung auf einem ähnlichen Level als im Jahr zuvor.
Nach einem Wadenmuskelabriss habe ich mich entschieden, zumindest die erste Hälfte dieser Saison noch in der roten Spur zu bleiben. Gut so, denke ich mir, nachdem ich die Sektionen abgegangen und dabei auch die schwarze Spur analysiert habe. Die Hälfte davon kann ich mir nicht vorstellen zu fahren, da fehlt es noch an Präzision.

Ich bekomme vom Observer das Zeichen, dass ich starten kann. Es geht auf Erde und faustgroßen Kieseln in die Sektion, dann folgt eine enge 180-Grad Kehre, zurück bis über den Startpunkt hinaus, dann eine 160-Grad Kehre in den Hang und den über eine ausgewaschene Rinne über mehrere Stufen ca. 20m steil hinauf. Oben an der Hangkante eine 90-Grad Kehre nach rechts und dann noch ein paar Mezer bis zum Ende der Sektion.
Yesss!! Diesmal (in der 2. Runde) habe ich es tatsächlich geschafft, ohne einen Fuß zu setzen. Der Stolz über die fehlerfreie Sektion hält nur bis zur dritten Runde, wo ich gleich zwei Füße setze.

Nachdem ich den Wettbewerb beendet habe, sehe ich den Fahrern in den schwierigen Spuren grün, blau, weiß und gelb zu, die erst am Nachmittag starten. In der gleichen Sektion, die ich beschrieben habe, sehe ich der Jule Steinert zu, die in der blauen Spur unterwegs ist. Der Anfang ähnlich: Rein in die Sektion, eine 180-Grad Kehre, dann muss sie aber gleich schräg in den Hang und kommt erst weiter oben in die Rinne, die sie auch bald wieder verlassen muss. Es geht wieder runter bis zum Anfang des Hangs, dann etwas weiter hinten gerade nach oben. Die letzten 3 Meter sind mit Rundhölzern befestigt und annähernd senkrecht. Nach der Hangkante bleibt dann gerade mal eine Motorradlänge Platz bis zu einem Zaun, hinter dem die Zuschauer am Geschehen teilnehmen. Also 90 Grad nach rechts – aber dann nicht einfach zum Sektionsende, sondern nochmal ein gutes Viertel den Steilhang runter, quasi auf der Stelle umdrehen, dann hat sie eine gerade 70cm Felsstufe gerade mal nen halben Meter vor dem Vorderrad, zwei Meter weiter Oben kommt noch eine zweite Stufe dazu. WOW! Die Jule macht das mit Bravour, während ich mit das Unvorstellbare vorzustellen versuche.

Dabei wandern meine Gedanken zwei Jahre zurück, als ich meinen ersten Südklassik-Lauf in Freising mitgefahren bin – mit knapp einem halben Jahr Praxis (inklusive Winterpause) quasi ein absoluter Trialanfänger. Damals war es ein weit weniger steiler und langer Hang, den es schräg hochzufahren galt und dabei mussten ein paar Tore bewältigt werden. Der Untergrund war trockene, rollige Erde und mit meinem damaligen Können schon etwas, wofür ich mich konzentrieren musste. Ein paar Freunde waren gekommen, um sich anzusehen, wie ich mich mache in der neuen Sportart. Gerade als sich bei mir ein leichten Glücksgefühl einschleicht, höre ich aus deren Ecke: ‚Na ja, ein Sport für Rentner‘.
Gut, ich bin weder auf einen Überseecontainer gesprungen, noch habe ich artistische Kunststücke vollbracht. Beim Klassiktrial geht es da meist unspektakulärer zu. Ein wneig unverstanden gefühlt habe ich mich trotzem.
Wenig später – ich hatte die ‚Lästerer‘ mal zu einem Schnuppertraining auf meinen Moppeds eingeladen – kam dann auch bei ihnen die Erkenntnis, dass es nicht so einfach ist, wie es aussieht, auch wenn man viel Motorraderfahrung auf der Straße und/oder auf der Enduro hat.
Jörg ist dann im Jahr darauf sogar den Südklassik-Lauf in Freising mitgefahren und hat sich selbst davon überzeugt, dass Wettbewerb nochmal ne andere Sache ist als freies Training.

Ich fahre nun die dritte Saison, wobei ich wenig Zeit zum Training und auch nur wenige Gelegenheit an Wettbewerben teilzunehmen habe. Zeit für ein erstes Resümee:
Die Tatsache, dass ich früher Enduro-Rennsport betrieben habe und seit über 35 Jahren Enduro fahre, erweist sich hier eher als Fluch als ein Segen. Umgekehrt wäre besser, wie man an der Weltspitze der Enduro-Profis sehen kann, die alle ursprünglich auis dem Trial-Lager kommen. Es fällt mir schwer, den Enduro-Stil bei meiner Fahrtechnik abzuschalten, weshalb es immer noch eine Herausforderung darstellt, im Steilhang enge Kehren zu fahren oder eine Stufe ohne Anlauf zu nehmen.
Ich habe auch erst mit 53 Jahren begonnen und mir ist schnell klar geworden, dass ich nie eine Konkurrenz für einen Toni Bou sein werde. Muss ich auch gar nicht mehr. Ich freue mich mit jedem, der besser fährt als ich und damit steh ich nicht alleine da. Trialsport ist anders als der Motorsport, den ich sonst so kenne. Da fährt einer in der Sektion und die Wettbewerbsgegner schauen von außen zu. Wenn der die Sektion fehlerfrei fährt, bekommt er Beifall von seinen Konkurrenten. Nicht selten habe ich schon Tipps von den Konkurrenten bekommen, wie ich eine Passage möglichst optimal fahre, um fehlerfrei zu bleiben.
Für mich zählt nicht so sehr, welchen Platz ich im Wettbewerb erreicht habe, sondern vielmehr, ob ich meine Fahrtechnik verbessern konnte. Die Wettbewerbe sind eher spezielle Trainings für mich, wo die Spur durch die Pfeile und Begrenzungen vorgegeben ist und wo ich nicht nur immer wieder die gleichen Hindernisse im Vereinsgelände fahre.

Mittlerweile ist mir die rote Spur eher zu leicht, der Sprung in die schwarze, die ich mir heute noch nicht zutraue, kommt unweigerlich, wenn ich mich weitert verbessern will. Aber ich habe es nicht eilig. Lieber ausgiebig die Technik optimieren als – egal wie – übers Hindernis kommen.

Ist Trial nun ein Sport für Rentner?

Ich würde sagen, Trial ist ein Sport für jede Altersgruppe – auch für Rentner. Wegen der geringen Geschwindigkeit in den Sektionen ist das Verletzungsrisiko deutlich geringer als in anderen Motorrad-Kategorien, es schult das Gleichgewicht, perfektioniert die Koordination von Kupplung, Gas und Bremse. Die erforderlichen, präzisen Bewegungsabläufe trainieren den kompletten Bewegungsapparat und das Gehirn.
Das Imageproblem – weshalb diese Sportart noch immer eher ein Nischen-Dasein führt – fußt eher auf Unkenntnis. Ich muss zugestehen, dass ich selber in jungen Jahren sowohl bei Trial- als auch bei Motocross- und Enduroveranstaltungen zugeschaut habe und mich dann für den (aus meiner sicht) spektakuläreren Endurosport entschieden habe. Könnte ich heute das Rad der Zeit nochmal zurück drehen, würde ich mich anders entscheiden. Ich bin überzeugt, dass ich mir damit so manche schmerzhafte Erfahrung erspart hätte.
Wie bei jedem Sport gilt auch hier: Ohne Fleiß kein Preis. Die Intensivität meines Trainings macht sich in den Wettbewerbsergebnissen bemerkbar. Trotz jahrzehntelanger Enduro-Erfahrung hatte ich beim Trial von Anfang an eine sehr steile Lernkruve, die sich wiederum im Enduro-Einsatz auszahlt. Beim Trial sind die Bewegungsabläufe sehr Komplex und laufen in Sekundenbruchteilen ab, die fehlende Geschwindigkeit macht das Motorrad instabil, was durch ein ausgeprägtes Balancegefühl kompensiert werden muss. Schon nach wenigen Traniningseinheiten nimmt man erst durch den  Muskelkater am Tag danach bewusst wahr, wie viele Muskeln zusammenspielen müssen, um die Balance herzustellen und zu halten oder den Bewegungsablauf durchzuführen.

Einstieg in diesen Sport

Wer gerne mal reinschnuppern möchte, den empfehle ich, den nächstgelegenen Trialverein aufzusuchen. Oft werden dort Schnuppertrainings auf Leihmotorrädern angeboten. Wer im Netz nicht fündig wird, der findet sicher Ankündigungen von Trialwettbewerben. Die Fahrer freuen sich immer über Zuschauer und darüber, wenn man sie auf ihren Sport anspricht. Alternativ kann man auch eine Trialschule besuchen. Hier kann ich z.B. den Elmar Heuer empfehlen, der Tages- und Zweitageskurse fast überall in Deutschland anbietet, auf eigenen oder von ihm zur Verfügung gestellten Motorrädern. Selbszt die Ausrüstung kann man sich dort ausleihen.
Diese Kurse eignen sich auch für jemanden, der vorher noch nie auf einem Motorrad gesessen ist, einen Führerschein braucht man ebenfalls nicht.

Wer dann Blut geleckt hat, der wird im Trialsport ein erschwingliches Hobby finden. Gute gebrauchte Maschinen fangen bei ca. 1.500€ an, Neufahrzeuge gibt es ab ca. 5.000€. Dazu ein Helm, ein paar Trielstiefel, ein paar Handschuhe und optional einen Rückenprotektor.
Auch die Wartungskosten sind sehr überschaubar. Die Reifen halten (bei den Amateuren) mehrere Saisons, ansonsten braucht es regelmäßige Ölwechsel und routinemäßige Kontrollen. Schlimmstenfalls müssen Sturzschäden repariert werden, was sich in der Regel auf gebrochene Kunststoffteile beschränkt.

Auch die Teilnahme an Wettbewerben ist kostengünstiger als bei anderen Motorradsportarten. Durchschnittlich 20 Euro Startgebühr wird aufgerufen, dazu benötigt man noch eine Tagesversicherung (2,50€) oder eine Lizenz (in der die Versicherung schon enthalten ist.
Bei einem Ein-Tages-Wettbewerb verbrauche ich zwischen 2 und 3 Liter Treibstoff. Der Fahrer ist hier deutlich durstiger als das Motorrad 😉

Die Umwelt

Im Vergleich zu Enduro und MotoCross benötigt der Trialsport viel weniger Platz, die Motoren sind leise und die speziellen Trialreifen hinterlassen kaum Flurschäden. Der geringe Treibstoffbedarf und auch die zunehmende Entwicklung bei den Elektro-Trial-Motorrädern (Reichweite ist hier kein Kriterium) machen den Trialsport zu einem der umweltbewussteren Motorradsportarten.