Das Gebiet Siebenbürgen nennt sich auf rumänisch Transilvanien, was soviel bedeutet wie ‚jenseits des Waldes‘. Damit ist das waldreiche Apuseni-Gebirge gemeint, welches die ungarische Tiefebene vom siebenbürgischen Becken trennt.

Ich habe mich immer gefragt, was es mit den Sachsen in Rumänien auf sich hat. Habe viel drüber gelesen und versuche die Antworten hier zusammen zu tragen.

Die Sachsen sind ab dem 12. Jahrhundert aus verschiedenen deutschen Gegenden in mehreren Einwanderungswellen nach Siebenbürgen eingewandert.  Damals gehörte das Land dem König von Ungarn. Er lockte Menschen – oft Leibeigene – aus verschiedenen Gebieten des damaligen Königreichs damit, dass sie in Siebenbürgen keine Abgaben bezahlen müssen und freie Bürger werden und bevölkerte so sein Land.
Viele Menschen kamen aus dem aus dem Rheingebiet, weshalb viele Siebenbürger Weinbauern waren. Das sieht man den Häusern auch an. In den Schmuckformen tauchen immer Weintrauben auf, und alle haben typische Weinkeller. Weil auch sehr viele Ungarn in Rumänien wohnen, sind alle Straßenschilder dreisprachig: rumänisch, deutsch, ungarisch.

Generell heißen diejenigen Deutschen, die schon immer (seit 1200) dort leben, Sachsen. Wer zu Besuch kommt, ist ein Besuchssache, und dann gibt es noch die Sommersachsen, die nur im Sommer dort leben. Alle dort lebenden Sachsen sprechen bis heute deutsch und rumänisch akzentfrei. Das ist ein Phänomen, denn in der Regel verliert sich die ursprüngliche Muttersprache bei Auswanderern nach der dritten Generation. Die Sachsen haben die deutsche Sprache bis heute über 800 Jahre lang im Alltagsgebrauch! Im Grunde hat sich die Kultur der Siebenbürger Sachsen bis zur Auswanderung in den 1990erJahren relativ wenig verändert. Sie ist sehr konservativ bis stockkonservativ und basiert auf sehr strengen Sozialgliederungen, die bis vor kurzem unverändert blieben.

Rund 95 % der Siebenbürger Sachsen haben nach der Revolution und den Sturz Ceaucescus in den 1990er Jahren ihre Heimat verlassen. Sie hatten im Sozialismus nichts zu lachen, wurden ausgegrenzt und unterdrückt, deshalb folgten sie Genschers und Kohls Angebot, nach 800 Jahren zurück nach Deutschland zu kommen.

Bis zum Ende des Sozialismus waren sie eine relativ große Bevölkerungsschicht. Die Siebenbürger Sachsen haben ihre Lebens- und Sozialformen mit einer sehr spezifischen Sozialstruktur gepflegt. In fast allen Dörfern gab es sogenannte Nachbarschaftszirkel. Sie bestanden aus jeweils 50 Haushalten. In größeren Dörfern gab es bis zu vier, fünf Nachbarschaften. Jede Nachbarschaft hatte einen Nachbarschaftsvater als Oberhaupt. Sie gaben sich Verhaltensstatuten, die regelten, wie die Gesellschaft funktioniert und welche Vergehen bestraft werden. Diese Nachbarschaften waren sozialer Halt und boten große Vorteile. Wer beispielsweise seine Scheune wieder neu aufbauen wollte, meldete das beim Nachbarschaftsvater an. Dann wurde aus jedem Haushalt eine Person abgestellt und die Scheune wurde gemeinsam aufgebaut. Dieses System hat bis ins 20. Jahrhundert funktioniert, wodurch sich die Sozialstrukturen über die Jahrhunderte relativ wenig veränderten.

Ein Beispiel belegt die überaus strenge Ordnung der Nachbarschaften. Siebenbürgen wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrmals von Mongolenstürmen heimgesucht. Zunächst reagierten die Dorfbewohner mit dem Bau von Burgen, um sich zu schützen. Als die Mongolen kamen, erreichten sie jedoch nicht schnell genug ihre Burgen. Dann wurden die Kirchen zu Kirchenburgen umgebaut, in denen die Bevölkerung notfalls wochenlang überleben konnte. Es gab sogar Schulen in diesen Kirchenburgen, um die Kinder zu unterrichten. Die Sachsen hatten durchgängig in sämtlichen Dörfern Schulen und haben somit vermutlich das erste Schulsystem Rumäniens aufgebaut.

Die Kirchenburgen erhielten Wehrgänge, mehrere Mauerringe und Specktürme. In diesen Türmen wurde der Speck und Schinken der jeweiligen Nachbarschaft aufgehängt. Jede Familie hatte ein eigenes Zeichen und nur sonntags konnten die Familien unter Aufsicht des Nachbarschaftsvaters eine Stunde lang etwas vom Schinken abschneiden. Wer den Termin verpasste, musste bis zur nächsten Woche warten. Dieses System funktionierte bis zum Beginn der Aera Ceausescus in den 1970er Jahren. Ich habe noch nie gelesen, dass eine solche strenge Ordnung von einer Bevölkerung so lange aufrechterhalten wurde. Das ist schon sensationell.

Die Phase von 1970 bis 1990 führte dazu, dass die Siebenbürger Sachsen unglaublich drangsaliert wurden. Dem Kommunismus war diese Parallelgesellschaft mit deutscher Ordnung suspekt. Solche sozialen Gebilde mit 50 Familien und einem Oberhaupt  gingen an der kommunistischen Idee völlig vorbei. Alte Sachsen berichten, dass die allerschlimmste Zeit für die Sachsen die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg 1945 und unter Ceausescu war. Sie mussten aus ihren Häusern ausziehen und in ihren Ställen wohnen, wurden vollkommen entrechtet. In ihre Höfe wurden Rumänen gesetzt. Es war die Bestrafung dafür dass sie in der Deutschen Armee mitgewirkt hatten. Viele mussten nach dem Krieg für mehrere Jahre nach Russland, um dort beim Wiederaufbau mitzuhelfen. Erst nach 1950 durften die Sachsen wieder zurück in ihre Häuser. Auch unter Ceaucescu wurden sie ausgegrenzt.
Nach Ende des Sozialismus hatten die meisten die Nase so voll, dass sie, wie oben beschrieben, nach Deutschland zurückauswanderten. Einige kommen als Besucher zurück, rümpfen aber die Nase über die schlechten Verhältnisse in Rumänien und wollen dort nicht mehr leben. Die 3 bis 6 %, die noch in Rumänien geblieben sind, sind natürlich nicht mehr in der Lage, das alte System  zu erhalten.

Die Kirchenburgen bestehen bis heute, einige sind Weltkulturerbe, in deren Unterhalt unter anderm EU-Subventitionen fließen.

Quellen:

Wikipedia
Interview mit Heinz Riepshoff

http://www.hausforscher.de/2011/05/zuruck-in-der-wirklichkeit.html

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